Yoga als Teil der Lösung

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5. August 2022 von evakarel

Munter geworden bin ich vom Geraschel der in ihren Büchern umblätternden Söhnchen, die mein Bett gekapert hatten – Sommerferienfeeling Hilfsausdruck, heast. Die Uni hat zu, meine Yogakurse pausieren und ich tachiniere abgesehen vom einen oder anderen Schreib- bzw. Mal-Anfall durch die Tage. Der Hund badet hauptberuflich im Meuterschaffl und die Kinder hocken zwischendurch in der Regentonne, während ich Ukulele klimpere und die Klappe halte, während China gegenüber Taiwan seine Muskeln spielen lässt.

Mein Bruder schult uns auf Katzenklo- & Aquariumspflege während seines Urlaubs ein und am Heimweg bestücken wir gschwind noch das Zupforakel am Atelier Brutstätte (Haslingergasse 12/3, 1170 Wien) mittels Kinderarbeit, was sich als schwierig gestaltet, weil besagtes Kind eine Anwandlung kindlicher Naturwaaachn aufweist und folglich mehrfach vor Lachen fast vom Mauervorsprung köpfelt. Auch wurde es dabei beobachtet, wie es statt der Fensterbankerlpflanzen sich selbst ausführlich gegossen hat, das Leben ist schon schön, gö?

Gemalt hab ich wie gesagt auch wieder und weil ich zuweilen ein zart maßloses Geschöpf bin, bin ich bis drei Uhr früh picken geblieben mit dem Ergebnis, sehr müde aber eben auch sehr zufrieden die Kinder wieder in Empfang zu nehmen nachm Papatag.

So absurd die fragile globale Situation auch ist, mir scheint, Yoga kann Teil der Lösung sein. Jetzt schaust mich stirnrunzelnd an, aber ich sag dir eh gleich, wie ich das mein und ich werd keine spirituelle messianische Ich-versprech-dir-das-blaue-vom-Himmel-runter-Predigt vom Stapel lassen, schwöre. Also für mich ist das so: Wenn’s mir mit mir und in mir drin gut geht -und genau das passiert mithilfe einer alltagstauglichen, mich selbst bezärtelnden, ebenso g’miatlichen wie fordernden Yogapraxis – bin ich lieber Schrägstrich geduldiger (zu meinen Kindern, zu meinen Student*innen, zum Billa-Kassier, zu meinem Hund). Wenn’s mir mit mir und in mir drin gut geht, kompensier ich weniger (shopping, Selbstinszenierung, digitales Wegbeamen durch ständige Handy-Schauerei). Ich ess tendenziell weniger Klumpert und freu mich mehr über das, was da ist, statt zu sudern. – eine höchst erfreuliche Sache ist das. Eine recht Imperfekte, wohlgemerkt, auch. Aber es reicht. Ich kann jetzt eh nur behutsam einen Fuß vor den anderen setzen angesichts der fragilen globalen Situation und das gelingt mir bedachter, wenn ich immer wieder auf der Matte in mir Wurzeln schlage und dann bessere Entscheidungen treffe. Zuversicht und Besonnenheit sind bessere Wegbegleiter als Sorge und Panik.

Apropos bezärtelnd, g’miatlich & fordernd:

“Do not kill the instinct of the body for the glory of the pose.” meinte die wunderbare Vanda Scaravelli und ich würd ihr gern meine Zustimmung entgegenjuchzen. Ich bin so eine begeisterte Yogatante und möchte deponiert haben, dass sich meine Freude erst entwickelt hat, seit ich Drill und Selbstkasteiung von Bord geschubst habe. Seit bald 15 Jahren bin ich jetzt gänzlich disziplinlos auf der Matte unterwegs und was ist passiert? Mein Körper fühlt sich wohl wie ein Katzerl, alle Beweglichkeit ist mir geblieben, obwohl ich auf rigorose Regelmäßigkeit gänzlich pfeif. Präzision ist großartig, aber sie kann auf Instinktebene entstehen, statt technisch aufgepfropft zu werden.

Ab Oktober begleite ich die vierte Ausbildungsgruppe durch ein Yogajahr, innerhalb dessen ihr euch selbst schelmisch-liebevoll auf den Pelz rückt, an der inneren Patina schabt und es in euch drin geräumiger macht – körperlich wie geistig. Ca die Hälfte der Teilnehmenden machen das Jahr, um wirklich Yogalehrende zu werden, die andere Hälfte nützts, um die eigene Praxis zu vertiefen. Das ab Oktober startende Grüppchen füllt sich nach und nach – wenn auch nona langsamer als vergangenes Jahr. Wenn ihr für die Info-Abende keine Zeit habt, meldet euch gern jederzeit (info@evakarel.at) und wir machen ein 4-Augen-Gespräch online oder im Atelier aus, wo ihr alle Fragen stellen könnt, die ihr vielleicht so habt.

Hier ein Auszug aus meinem Buch “Om, Oida! Yoga ohne Maskerade.” zum Thema:

Mit Präzision ist sehnsüchtiges, lechzendes Sich-Hinschmiegen gemeint, keine statuenhafte, versteinerte Pose. Wir wollen unseren Körpern zu instinktivem Verhalten verhelfen. Die Haltung ist aufrecht und fluide – als würden wir am Hinterkopf von einer Marionettenschnur baumeln, weswegen sich Schädelbasis, Kreuz und Fersen lotrecht übereinander ausrichten, die Schultern von den Ohren wegsinken, die Arme weich herabbaumeln, Handflächen und Fingerkuppen warm und pulsierend. Wir thronen auf weichen, präzise ausgerichteten Fußsohlen – Ballen und Fersen in gleichmäßigem Bodenkontakt, die Zehen entspannt davor aufgereiht wie Schlafsäcke im Zeltlager. Mit dem Boden gut verwurzelt, samtpfotig quasi jederzeit zum Absprung bereit – wie auf Raubkatzenpranken.

Tatsächlich verändert die Vorstellung davon, wie ich meinen Körper einnehme, radikal alles. Achte ich lediglich auf Technik und Präzision, mag ich eine optisch wunderbare Asana zu fabrizieren im Stande sein. Verleihe ich meinen Füßen aber jene Raubkatzenqualität – einfach, indem ich es mir vorstelle -, lasse ich meinen Körper weich wie von Marionettenschnüren getragen aufstreben, so wird die Asana zum Leben erweckt. Wir werden zum Leben erweckt, jenseits mechanischer Befehlsausführung. Durch diese Vorstellung des Baumelns wird der Körper grazil aufgerichtet, statt zementsackartig der Schwerkraft zu gehorchen. Muskeln und Haut bleiben weich – niemals wird der Körper zur Rüstung. Er bleibt so durchlässig und fluide, dass der Atem ihn kontinuierlich von innen heraus bewegen kann.

Ebenso grazil wie wir unsere Körper tragen, gehen wir mit unserem Innenleben vor. Letztlich vereinen sich in der Asanapraxis die drei Pfeiler Asana, Pranayama und Meditation. Wir surfen mit der Atmung in eine Haltung, bewegen uns manchmal kaum merklich während des Haltens der Position, nehmen die Intensität mit den Einatmungen zurück, tasten während des Ausatmens fühlend behutsam den Spielraum innerhalb der Position ab. Und wir bleiben währenddessen aufmerksam anwesend. Wir versuchen, dem Körper abzulauschen, wie wir ihm zu Diensten sein können. Die Asana selbst wird damit zur Meditation in Bewegung. Und auch die Yamas und Niyamas sind mit von der Partie, wenn ich nämlich Ahimsa, also Gewaltlosigkeit walten lasse und sämtliche Schmerzgrenzen wahre. Wenn ich körperlich gut gepflegt auf der Matte erscheine, haben wir Saucha beachtet. Wenn ich trotz mehrmaligem Versuch an einer Position scheitere und ehrlich schmunzeln muss, dann habe ich sowohl Satya, die Wahrheit, als auch Santosa, die Zufriedenheit, nämlich in diesem Fall die Akzeptanz des Scheiterns, integriert.

Selbstverständlich hauen die Gedanken mal mehr, mal ständig, mal weniger ab und galoppieren unversehens von dannen. So ist der menschliche Geist nun mal. Kein Grund, frustriert zu sein. Viel besser: Schmunzelnd zur Kenntnis nehmen und zurück zur fühlenden Wahrnehmung. Das größte Eigentor sind überzogene Erwartungen. Es geht hier nicht um Spektakuläres. Einfach zwischendurch gemütlich mit uns selbst einchecken. Und zurückkehren, wenn die Gedanken abgedriftet sind. Selbstverständlich passieren hin und wieder herausragende Dinge: Ein Meditationssog, das spontane Herunterklappen der Kinnlade aufgrund des Aufblitzens einer Erkenntnis (Ich bin hier! In einem menschlichen Körper! Auf einem Stern! Im Universum! Warum?!?), das spontane Entladen körperlicher Blockaden, was unvermittelt Emotionsschübe freisetzt (Lachen, Weinen, Wut & Konsorten). Fängst du jedoch an, diesen Momenten hinterherzujagen, kannst du gleich Popcorn und Bier schnappen und es dir auf der Couch gemütlich machen. Solche Momente lassen sich per se nicht erzwingen.

Es gilt, sich immer wieder zu überlegen, warum wir uns auf der Yogamatte herumtreiben. Ansonsten kann uns das ganze Unterfangen hurtigst unglücklich machen. Dann stehen wir zum Schluss versehentlich wieder nur mit mehr oder weniger knusprigem Yogakörper und stolzer Visage da, und wir wissen alle, dass wir davon nichts haben, wenn unser ursprüngliches Ziel die Innenschau war. Selbstverständlich können wir Yoga aber auch aus strikt gesundheitlichen Gründen betreiben, oder aus einer Mischung aus all dem, immerhin ist eine korrekt ausgeführte Asanapraxis quasi Balsam für den Körper. Vieles ist denkbar. Glaubt nur nicht, dass ihr euch selbst via Drill näherkommt.

(Om, Oida! Yoga ohne Maskerade. Verlag punktgenau, 2018)

Übrigens wird’s im Frühling erstmals ein Aufbaumodul für Absolventinnen meiner Yoga-Ausbildung geben. Die Dani und ich ham ein schönes, verlängertes Wochenende gebastelt, nachdem wir ständig diesbezügliche Anfragen von euch bekommen haben.

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