Ateliernächte

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16. April 2022 von evakarel

Ich schreibe euch diese Zeilen, während mir im Atelier Pigmente um die Ohrwascheln fliegen, triefnasse Malfetzen exorbitante Lacken auf den Boden safteln und siebzehn Pinsel ihr Dasein in Kübeln, Tiegeln, Malpaletten und auf dem Boden fristen. Die Kinder und ich verbringen immer mehr Zeit miteinander in meinem Atelier, je älter sie werden. Und ich find’s WAHNWITZIG interessant, welch unterschiedliche künstlerische Ausdrucksformen aus uns herauskommen, wenn wir uns selbst überlassen werden. Der eine veranstaltet regelrechte Materialschlachten, traktiert Leinwände mit Spritzpistolen und kratzt mit Holzstücken in diversen Farbschichten herum. Innerhalb von 26h hat er unlängst 13 Leinwände bemalt und es begrüßt, währenddessen nicht angesprochen zu werden. Keinerlei Skrupel hat er, rückt den Leinwänden zu Leibe, Anfängergeist Hilfsausdruck deluxe.

Der andere sitzt eingerollt im Tante Elli-Sessel und zeichnet versunken Comics mit Text, Plot & Details, während ich konfuse Shitty First Drafts in mein Notizbuch kritzle und dann spätnachts tippend abernte. Seit sich die Zurechnungsfähigkeit der Brut altersbedingt deutlich gesteigert hat, die Bude nimmer versehentlich so ausschaut, als wären kürzlich sieben Schafe geschächtet worden, ich folglich ein bedeutend intakteres Nervenkostüm zu verzeichnen hab, übernachten wir sogar oft hier. (Bist du deppert, heut hab ich aber einen HANG zu Schachtelsatzgirlanden! Würd ich meinen Studis ja niemals erlauben, hahaaaa!!)

Nachdem mein zwölfjähriger Sohn jahrelang spaßhalber Materialexperimente veranstaltet hat, die zwar lustig waren, aber ultimativ in einem Sammelsurium brauner Pampe gemündet sind, ist sein Repertoire jetzt anscheinend so weit gediehen, dass er damit Bilder zu komponieren beginnt. Während er schüttet, streut, wischt, kratzt, pinselt und kletzelt, schleiche ich gerührt grinsend auf Samtpfoten herum, um ihn nicht draus zu bringen. Vermutlich wird er beim nächsten offenen Atelier ein paar seiner Werke ausstellen – da geb ich euch aber eh rechtzeitig Bescheid, damit ihr es fett in euren Kalendern vormerken könnt.

Damit ich selber auch zu etwas komm, haben wir die 20-Minuten-Regel für unsere gemeinsame Atelierzeit erfunden – ich hab sie dem Freewriting entlehnt und ist recht kompliziert: Es geht nämlich primär darum, die Klappe zu halten und eine Sache statt fünf zugleich zu tun. Wenn ich das an der Uni unterrichte, sprinten wir immer 10 Minuten lang schreibend voran. Wir denken schreibend nach vorn, statt zu grübeln und uns zu bemühen. Im Atelier sind wir 20 Minuten lang leise und werkeln für uns selbst, vertiefen uns zitzerlweis ganz intensiv, bevor wir wieder aus unseren jeweiligen Tunneln auftauchen, gschwind mit dem Hund spazieren gehen, Essen lukrieren und wieder in unseren Tunneln verschwinden. Irgendwann knacken wir im Matratzenlager weg, bevor es morgens weitergeht.

Übrigens hab ich meinen Kindern künstlerisch nix aktiv beigebracht, sondern sie im Material hockend ihrem Schicksal überlassen und Grundregeln aufgestellt (z.B. Acrylfarbe im Aug des Bruders: schlecht, Acrylfarbe auf der Leinwand: gut; Malwasser trinken: schlecht, Malwasser als Pinselvollbad verwenden: gut) und nur Fragen beantwortet, falls welche gestellt wurden. Dann brauchst du nur noch vier Jahre warten und schon passieren spannende Dinge. Empfehlung!

Ein Kommentar zu “Ateliernächte

  1. Sarah sagt:

    Die Bilder deines Sohnes, der absolute Wahnsinn!

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