Intermittierendes Super-Sein oder: Die abgefackelte Schularbeit

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19. Januar 2022 von evakarel

Eventuell hat der Sohn heut um 6:48 beim Frühstück die Englisch-Schularbeit ein bissl abgefackelt, die er gschwind fertig verbessern wollt. Nämlich am Teelichterl, das er zwecks Ambiente angezündet hatte – weil ein bissl eine Atmosphäre schadet bekanntlich ja nicht, gö? Hab ich eventuell einen zarten Adrenalinschub kassiert, während ich mit dem G’schirrhangerl auf die Schularbeit eingedroschen hab, net woa? 

Hier das corpus delicti:

Nachdem nix Tragisches passiert ist, haben wir ziemlich bald ziemlich lachen müssen und ich hab ihm eine ziemlich lustige Entschuldigung fürs Mitteilungsheft fabriziert.

Es ist wichtig, sich immer wieder hinter sämtliche Ohrwascheln zu schreiben, dass auf jegliche Perfektion tunlichst zu pfeifen ist. Immerhin möchten wir diverse Windstöße im Leben aushalten statt schmolllippig den Service zu bemängeln. Mit der menschlichen Existenz verhält es sich so, dass es ein nicht enden wollendes Rauf und Runter ist. Wir können uns von den Wellen schaukeln lassen, oder uns ihnen bitterböse entgegenstemmen – dann spritzen sie uns umso ungemütlicher um die Ohren. Ich zum Beispiel hatte einen ausgesprochen leichtfüßigen Herbst – Springinkerl Hilfsausdruck – ich hab Berge laufenderweise unsicher gemacht, mir Grünzeug eingeschaufelt und bin mir schon vorgekommen wie eine halberte Antilope. -Bis das unvermeidliche Vanillekipferlinferno der Weihnachtstage auf mich herniederhagelte, ich sowohl Laufschuhe als auch Yogamatte gegen Punsch und Walnussischler und besagte Vanillekipferl und Lebkuchen und Rotwein eintauschte und mir abends das das neu erworbene Baucherl tätschelte.

Ich mag mich zuweilen ausweiten, bis ins letzte Fitzerl meiner Kapazitäten hineinstierln und dann mag ich zusammensinken, ruhen, verdauen und gänzlich Anderes tun. Und wenn ich mich von Phase 2 nicht narrisch machen lass, sondern sie als völlig normalen Teil des Prozesses einkalkuliere – Chapeau et voilà: Seelenfrieden statt Paranoia (hoffentlich).

Apropos hinfort mit jeglicher Perfektion: Unlängst hab ich der wunderbaren 93-jährigen Yogalehrerin Ursula Lyon zugehört, die es sehr gut auf den Punkt bringt: “Perfektion zwingt, Unvollkommenheit befreit.” Genau deswegen mag ich es z.B., mich sacht in den Asanas zu bewegen, ich räkle mich ein bisschen, mein Atem darf mich von innen heraus bewegen, statt wie in einer Rüstung eingesperrt zu sein. Ich halte keine statische, optisch ideale Pose, sondern tüftle. Wenn die Einatmung daherbrandet, nehmen wir uns in Dehnungen zurück, zieht die Ausatmung von dannen, wird unser Körper leer und beweglich, deshalb schmiegen wir uns in Richtung Dehnintensität. Als würden wir körperlich herzhaft gähnen, lassen wir die Dehnintensität kulminieren und sinken dann wieder sanft in uns zusammen.

In meinem Buch “Om, Oida! Yoga ohne Maskerade.” hab ich als sechstes Niyama den Humor angepriesen. Und Humor ist so hilfreich, weil menschliche Existenz nunmal schlingernd dahintorkelt und nicht stringent geradlinig Richtung Ziel stürmt.

Vielleicht ist es eher so ein intermittierendes Super-Sein, ein intermittierendes Streben, von dem wir genau wissen, dass auch wieder das Gemütliche, das Träge, das Rastlose und das Unentschlossene auf uns wartet, bevor der nächste Turnus im Super-Sein anklopft.

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