Schock – Kokon – zack, anders

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19. April 2020 von evakarel

Gestern Nacht sind wir durch den Sommerregen geradelt. Also die Kinder. Ich mit dem Hund gemütlich hinterdrein. 21:30, außer uns niemand unterwegs, es riecht nach warmem, feuchtem Asphalt und ich komm nicht umhin, dermaßen von Glück durchflutet zu werden, weil wir für genau diese Dinge jetzt Zeit haben. Weil’s wurscht ist, wann wir morgen aufstehn. Weil ich Nachteule meine Bürozeiten genau deshalb zwischen 23 und 1 Uhr früh veranstalte, dafür aber dann eben ausschlafe. Ich hab mich komplett in meinen Studentinnenmodus zurückkatapultiert, den mir mein geschätzer Erstgeborener mit seiner Ankunft ausradiert hat, weil ich plötzlich schaun musste, schleunigst in die Hapfn zu kommen, um Monsieurs Frühaufsteherattitüden gerecht zu werden.

Zeichnung by Nadine Kappacher 2018

Ein paar Tage habe ich ja primär die Stirn gerunzelt und mir kopfschüttelnd das Hinterkopferl gekratzt. Dann sind die Neuigkeiten Schritt für Schritt eingesickert: Wir müssen also tatsächlich daheimbleiben. Wir werden einkaserniert. Statt morgens mein Atelier aufzusperren leisten mir ab sofort meine beiden Kinder rund um die Uhr Gesellschaft und sind dabei überaus gefräßig, verspielt, LAUT und ja, sehr lieb. Zu Verarbeitungszwecken hab ich mich zunächst kokonartig in eine grundlegende Verhausfrauung begeben. Erstmal ausgiebige Menüs fabrizieren. Satt denkt es sich besser nach, sage ich mir.

Phase zwei: Coronaklischeehaft Zeug sortieren, um idealerweise nebenbei auch mein Hirn zu sortieren, während ein alles überlagerndes „HÄ?!“ stets latent im Hinterkopf herumwabert. Ich bin ja selbständige Yogalehrerin, halte Kurse und Workshops und bilde Yogalehrende aus. An der Uni bin ich als externe Lektorin angestellt. Infolge der Ausgangsbeschränkungen im Zuge von Corona ist nichts davon mehr in der bisherigen Form möglich. Als ich im Zuge der Coronakrise beobachte, wie manche Yogalehrende innerhalb weniger Tage auf Onlinebetrieb umschalten, halte ich das zunächst für latent verrückt. Bitte wen sollten derartige Angebote interessieren? Keinen Deppen weit und breit, wenn du mich fragst. – Bis ich hurtigst eines Besseren belehrt werde.

Denn bald deponierten einige meiner eigenen Yogaschüler*innen vehement ihren Bedarf an Livestreams – dass ich also statt im Atelier live aus meinem Wohnzimmer sende. Weil ich mir das eben schlichtweg nicht vorstellen kann, reagiere zunächst überaus widerborstig. Immerhin habe ich einen großen Hang zum Analogen und neige außerdem zu ausufernder Trägheit, was Veränderung von Bewährtem betrifft. Jetzt, nach 18 Jahren Yogalehre, soll ich mich mit Technik auseinandersetzen? Mein Trotz hätte selbst Pubertierende in voller Hormonblüte vor Neid erblassen lassen.

Wären nicht sämtliche Einnahmen abrupt versiegt, wie mir mein dezent nervöser Blick aufs Konto kundtat, hätten mich folglich keine zehn Tritte in den Hintern dazu gebracht, es doch auszuprobieren. Und dann: ZACK! Völlig überraschend erweist sich die Situation als unfassbar hilfreich und der Laden läuft momentan ganz wunderbar. Warum? Aufgepasst, die Ohrwascheln gespitzt: Jetzt die Unterrichtstätigkeit ins Internet zu verlagern trifft auf fruchtbarsten Boden. Wir üben nämlich alle. Wir wurschteln uns so durch und freuen uns über alles, was funktioniert. Niemand erwartet von mir als Lehrperson versierte technische Kenntnisse, stattdessen freuen sie sich, dass ich überhaupt etwas anbiete. Mit derartigem Mut zur Lücke und der mir glücklicherweise innewohnenden Kernkompetenz Humor flutscht es dann auf einmal potenziell ordentlich. Es darf also improvisiert und hatschert zugehen. Es geht sich – insbesondere in dieser Ausnahmesituation – ohne ausgeklügeltes Konzept aus. Einfach hau ruck ins kalte Wasser springen. Viele Angebote treffen aktuell sogar auf größere Nachfrage als vor Corona, weil schlicht und ergreifend eh alle zuhause herumsitzen und sich die Decke hin und wieder Richtung Kopf abzusenken droht. Onlinekurse können Gemeinschaftsgefühl bringen, danach kann ich mich allerdings schnurstracks in die Hapfn werfen, ohne erst wie sonst den Heimweg antreten zu müssen.

Dieser ganzen Streamerei haftet sowas gemütlich Niederschwelliges an. Denn jetzt können zB auch Leute mit kleinen Kindern teilnehmen. Leute, die viel zu weit weg wohnen, um ins Atelier zu kommen. Jetzt findet der Unterricht teilweise über Ländergrenzen hinweg statt. Viele Leute, die mein Buch gelesen haben, aber weit weg leben, nehmen jetzt beim Online-Yoga teil. Das ist äußerst wunderbar. Und samma uns ehrlich: Da eröffnen sich möglicherweise wunderbare Optionen – auch für später. Denn dann können die meisten plötzlich mit Programmen wie Zoom oder Jitsi umgehen, womit eine riesige Hürde fällt. All das ist kein Masterplan für die Zukunft, aber ein passables Durchgangsstadium.

Ihr dürft mich gern naiv nennen, aber ich habe immer gejammert, dass wir einen Systemwechsel brauchen, dass wir über unsere Maßen leben und sich etwas verändern muss. Gleichzeitig hatte ich immer das Gefühl, als wäre hinter mir ein imposanter Schlund, vor dem ich schleunigst und zackig davonsprinten sollte. So empfand ich meine selbständige Arbeit oft. Ja nicht nachlassen, weiter, gschwind. Möglicherweise könnte jetzt der Zeitpunkt sein, in eine gute Richtung umzuschwenken. Ich bin jedenfalls an Bord, liebe Leute. Die Option, einfach ausreichend zu verdienen, statt immer mehr zu wollen, fühlt sich überaus sympathisch in meinen Ohrwascheln an. Ich glaube, es braucht jetzt Feingespür, Manövrierfähigkeit, neugieriges Ausprobieren, idealerweise mit einer Portion g’feanztem Humor.

Ich hab keine Ahnung, wie es längerfristig weitergehen wird. Ich fände es überaus eigenartig, so zu tun, als wüsste ich das. Ich beäuge gespannt, dass die große, träge Masse all meines Dahinwerkelns der letzten Jahre, die unaufhaltsam ihren Lauf nahm, grad zu einem Stillstand geruckelt ist. Über allem steht ein waberndes Fragezeichen. Wie weiter? Schon komisch. Schon irgendwie auch großartig. Bin gespannt. Inzwischen spiele ich ausgiebig Lego, koche viel und kraule den Hund.

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