Der umgangene Wutanfall oder: Wie Yoga von der Matte in den Alltag kriecht.

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20. September 2014 von evakarel

der umgangene wutanfallWaah!! Bitte, war die letzte Woche zach. Die Kinder haben außer gestritten nur gestritten und wenn sie sich nicht gerade um irgendein wichtiges Trum prügelten (z.B. um eine Plastik-Kuh. Wir haben 3, in Worten: DREI verf*** Scheiß-Kühe, doch nein, sie wollten beide die Selbe), dann wälzten sie sich heulend bäuchlings durch die Gegend, was weiß denn ich – vielleicht hab ich einen der beiden eine Sekunde länger angeschaut als den anderen, was den anderen in emotionale Abgründe der schaurigen Art katapultierte. Ich war geneigt, mir ein Schild mit Aufschrift ‚Fräulein Eva. Servicekraft für Schadensbegrenzung‘ aufs Hirn zu picken.

Weißt? Dann sitzt du abends allein auf der Couch und denkst: Hilfe. Ich pack’s nimmer. Ich. pack’s. NIMMER!!!! Aber raus kann ich hier ja auch nicht.

Dann sind die Kinder ein Wochenende lang beim Papa, während ich ein Yogaseminar auf einem Biohof in der heimatlichen Pampa halt. Zum Glück weiß die Yogameute nicht, welcher Hirnfasching sich noch zu Beginn des Wochenendes sich hinter meiner Stirn abspielt und nach einem Tag bin ich selbst ganz von den Socken, wie verflixt wunderbar diese Yoga-Geschichte doch ist. Als würde ich meinen Schädel auf Zeitlupe schalten, indem ich meinen Körper aufs Aufmerksamste drehe, wende, biege, balanciere und mit meinem Atem flute, man kann sich das kaum zusammendenken, hat man’s nicht erlebt! Nach fast drei Tagen Yogaretreat, wo ich nach den Yogastunden meinen Kadaver in die Sauna manövriere, meine Zehen in den eisigen Schwimmteich tunke und hernach gackernd mit der schönen Schwester im Ehebett versumpfe bin ich wieder da. Ich merke, wie ich – statt mich der Situation ausgeliefert zu fühlen – meinen Kindern gegenüber als Erwachsene agiere und vor allem die guten Momente regelrecht schmecken kann, statt durchs Hamsterrad zu strampeln. Das mag bochn klingen, doch: genau so ist es.

Ich find’s so genial, wie sehr diese Yogageschichte von der Matte in den Alltag kriecht. Da komm ich ein paar Tage später abends mit den Kindern vom Picknick heim – saumüde Kinder, wohlgemerkt. Justament vor der Haustüre machen wir die spannende Entdeckung: der Schlüsselbund ist abtrünnig. Der kleine Schlüsselfetischist schaut zart betreten aus der Wäsche – leider hat er ihn gefladert und auf der Wiese ausgestreut, wie er von einem Bein aufs andere hopsend zerknirscht kundtut. Meine Endorphine entfleuchen flugs durch sämtliche Poren. ‚Bauchatmung! Kopfhaut und Kiefer entspannen, heast!‘ verordne ich mir. ‚Wie hätte der Papa reagiert?‘ Immerhin ist der in solchen Situationen die weitaus kompetentere Person. Der Kniff geht tatsächlich auf. Zu meinem eigenen Entzücken sammle ich mich und verkünde, es werde nun hurtigst vor Einbruch der Dunkelheit zum Picknickort zurückgekehrt. Ich sei nicht sauer, dulde jedoch dezidiert kein Gesuder. Schon marschieren wir los, um des abtrünnigen Schlüssels habhaft zu werden. Da nun auch keine Zeit mehr fürs Abendessen bleibt, zucken die Söhnchen halberts durch, weil sie am Pizzastand erstmals eine Pizzaschnitte lukrieren und in der Bim verspeisen dürfen. Ich denk mir: Geh bitte, werden’s schon nicht hin werden, net woa? Dann steck ich sie nach erfolgreicher Schlüsselauflesung schmutzig und ohne Zähneputzen in die Hapfn, weil bitte – wegen einer Nacht werden die Zähnchen schon nicht der gnadenlosen Erosion anheim fallen, gö?

Sehr stolz ob meines umgangenen Wutanfalls und der spontan aus dem Hut gezauberten Scheiß-mir-nix-Attitüde plumpse ich schließlich auf die Couch, wo ich braverweise eh noch ein bissl ein schlechtes Gewissen schieb, weil darf man das eh? Man weiß es nicht, ich kann nur berichten, dass ich tags darauf von einer sehr schmutzigen, sehr fröhlichen Brut aus dem Bett geschmissen wurde. Samt Zähnen sogar.

PS: Nachdem’s am Biohof so verflixt prächtig war, gibts für 2015 schon neue Termine.

2 Kommentare zu “Der umgangene Wutanfall oder: Wie Yoga von der Matte in den Alltag kriecht.

  1. Patty sagt:

    Ich grinse und grüße 🙂

  2. minulinu sagt:

    Meine Kinder haben gerade vorm Mittagsschlaf Seinfeld geguckt. Ich hab in der Zeit die Küche in Ordnung gebracht, aufgeräumt und die Betten aufgeschlagen.
    Ich weiß, Kinder niemals allein vorm Fernseher. Und ich selbst hab Seinfeld nie gesehen, nur zitiert bekommen.
    Aber das Gefühl, dass ich dabei hatte, diese Freiheit. Keine Angst, über einen zu stolpern, weil ich das vollgepackte Tablett vor mir her trage. Keiner schmeißt Lego in den Flur. Keiner räumt die Spülmaschine aus. Und das nur, weil ich gestattet habe, 15min lang fern zu sehen…

    Ich bin doch bescheuert, wenn ich mich für eine Situation tadle, die Stress quasi auflöst und mir eine Mittagspause in einer aufgeräumten Wohnung ermöglicht!

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