Lieber V.,

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3. September 2014 von evakarel

lieber v.Während ich diese Zeilen schreibe und Puccinis ‚Tosca‘ lautstark durchs Wohnzimmer schallt, schlummerst du im Nebenzimmer. Wie alt bist du jetzt, da du all das liest? Und vor allem: Wie groß? Immerhin bist du mit 4,5 kg geschlüpft und pulverst seither offenbar alle Reserven in Richtung Größenwachstum. Ach V., du zartes, langhaxiges Wesen. Wie ein kleiner Elf siehst du aus. Ich knabbere an deinen winzigen Zehen, bis du vor Lachen um Luft ringst. Und das mache ich einerseits, weil ich deinen Zehen verfallen bin, andererseits weil du mit dem grandiosesten Baby-Lacher aufzuwarten hast. Ein Ganzkörper-Scheppern – du schnaufst und verdrückst Tränen vor Lachen, du quietscht und japst – es ist ein Fest.

So sanft kannst du sein. Du scheinst so zufrieden mit dir und der Welt und bist gleichzeitig resolut wie ein Oberst. Nein! Du willst deine gottverdammten Zähne nicht putzen, stell dich doch auf den Schädl, Mutter! Machst dein Yoga ja hoffentlich nicht nur zur Gaudi, oder?! Sechs Sekunden später hat sich dein Zorn in Schall und Rauch aufgelöst, wir liegen Nase an Nase. Du nuckelst an deinem Reismilchflascherl, deine kleine Hand spielt gedankenverloren mit meinen Haaren, du gibst diese seufzenden, zufriedenen Nuckelgeräusche von dir und ich trinke deine Gegenwart, während du einschläfst.

NOT.

Eigentlich besteht ihr Brüder ja darauf, Nacht für Nacht das Bett zu teilen, ihr verkeilt euch stundenlang unschön zu Knoten, bis ihr die mütterliche Hapfn entert. Doch heute schläfst du  alleine, denn du warst – seien wir ehrlich – nach dem Flascherltrinken ein bissl eine Rotzpippn.

‚Mamaa! Der V. hat mich ins Aug gepiekst!‘ schallt es aus dem Kinderzimmer. (Stelle mich taub.)

‚Jetzt auch noch ins andere! Fest!‘ (stelle mich taub)

‚Mama?! Der V. sagt ‚Kacka‘ zu mir!‘, ereilt mich das nächste Update.

‚V.? Hast du ‚Kacka‘ zu J. gesagt?‘, erkundige ich mich höflich.

‚Ja!! LAUT!!‘, brüllst du triumphal retour.

Nachdem kein Ende in Sicht war, habe ich euch in getrennte Zimmer verfrachtet. So bist du momentan. Herzzerreißend lieb und ohrenbetäubend aufmüpfig. Ich muss fürchterlich aufpassen, bei deinen Aktionen nicht zu lachen, weil ich mich im Grunde oft wegschmeißen könnte vor Gelächter, mir damit allerdings ein pädagogisches Eigentor nach dem anderen reinfetzen würde.

V., mein Brief an deinen großen Bruder vor ein paar Tagen hat ein längst fälliges Gespräch angezettelt, nämlich die Frage, wie das so ist mit eurer Privatsphäre und diesen Geschichten, die ich hier allen zugänglich mache. Ob sie zu persönlich sind, um öffentlich sein zu sollen? Weißt du, kleine Maus, ich wiederkäue dieses Thema ständig, es ist quasi meine tägliche Jausn. Bitte lass mich erklären.

Seit bald 2 Jahren blogge ich über mein Leben mit euch. Davor habe ich 1,5 Jahre an einem ebenso persönlichen Buchmanuskript geschrieben. Ich schreibe schon immer und als ich im Zuge meines Mamawerdens auf all die Blogs und Memoirs gestoßen bin, traf es mich wie der Blitz. Gerade die persönlichen Texte sind für mich jene, die Brücken bauen. Ich habe beim Lesen Gefühl, als würde mir eine Hand gereicht. (z.B. hier, oder Anne Lamott’s Buch ‚Operating Instructions – A Journal of my Son’s First Year) Ich fühle mich dann nicht als einzige Idiotin im Boot, die vielleicht so ihre Turbulenzen bzgl. Elternschaft, Paarbeziehung etc. ausbadet, nein, wir sind viele. Sei dir gewiss: Ich überlege mir verflixt gut, was ich hier offen lege und was nicht. Persönlich? Ja. Doch ihr macht Kinderdinge, im Grunde nichts Außergewöhnliches. Hauptsächlich geht es um meine Reflexion. Ich versuche, Schwierigkeiten den Humor abzulauschen, den Hindernissen die Stirn hinzuhalten – und genau das zu teilen. Weil ich dieses Offenlegen als befreiend empfinde. Und weil das Preisgeben auf ein Gegenüber stößt, sich daraus zahllose Gespräche entwickeln. Die geklöppelten Vorhänge vor das zu ziehen, was sich hinter den Familienkulissen abspielt, hat ewige Tradition. Zu Recht – sie schützen vor Kritik, bieten die Heimeligkeit des Unterschlüpfens unter den großen Flügeln sozialer Etikette feil.

Nun ist es aber so, dass ich mich gern trauen möchte und mir die So-tun-als-ob-Etikette Erstickungsgefühle bereitet. Ich möchte unbedingt respektvoll mit euch umgehen, doch ich werde nicht schweigen. All das, was zu heiß wäre, thematisiere ich hier ohnehin nicht. Oder hat hier irgendjemand eine Ahnung davon, wie es euch mit der Trennung von eurem Vater geht? Warum es überhaupt soweit kam? -Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, das wäre mir versehentlich passiert. Was es hier gibt, sind penibel ausgewählte Ausschnitte.

Du bringst soviel Sonne in mein Leben, wenn du aufwachst, schiebst du erstmal einen Spruch zum Tag, aktuell wahlweise:

– ‚Mamaa! Essen! Mund!‘

– ‚Munter!‘ (du klatscht sichtlich erfreut)

– ‚Tanzen!‘ (dann flitzt du zum CD-Player, drehst Musik auf, ziehst mich am schlaftrunkenen großen Zeh und streckst die Ärmchen erwartungsvoll nach mir aus)

Hebe ich dich schließlich auf, um mit dir zu tanzen, schlingst du gierig deine Ärmchen um meinen Hals, dein Gesicht vergräbst du in meiner Brust. Wenn wir uns schnell drehen, flackert dein Blick erst ängstlich, bevor du in kreischendes Gelächter ausbrichst.

Du erklimmst jedes Klettergerüst, seit du 1,5 Jahre alt bist, völlig wurscht, wie hoch die Sprossen sind. Schwitzend und grunzend spaxt du dich mit Knien und ordentlich Armtechnik hinein. Ist kein Ball zugegen, bist du untröstlich. Deinem Bruder könnte all das wurschter nicht sein. In dieser Verschiedenheit trefft ihr euch. Du liebst ihn und du schenkst ihm ordentlich ein und immer, immer ist da dieses Band zwischen euch. Wenn ihr euch nach dem Kindergarten endlich wiederseht, seid ihr ganz verzückt.

Ihr ‚helft‘ mir beim Kochen, dein Bruder schnipselt Gurken, du wuchtest die gesamten Gewürzbestände aus dem Regal, ein Basilikum-Kurkuma-Rosmarin-Cardamom-Regen ergießt sich über Arbeitsfläche und Boden. Ich tobe, ihr flitzt begeistert aus der Küche, um den Staubsauger zu lukrieren. Wieder zurück haust du deinem Bruder ordentlich eine runter, weil er dir nicht den Vortritt lässt. ‚Ich AUCH!!!‘ skandierend hüpfst du auf und ab, dann wirfst du dich bäuchlings zu Boden und vergräbst theatralisch dein kleines Gesicht in deinen Fäusten. Ich stehe breitbeinig am Herd und versuche, das Sugo doch noch zum Sugo werden zu lassen, während ihr zwischen meinen Beinen herumsaugt. Natürlich zieht es mir oft den letzten Nerv, aber ich will hier dabei sein. Das sind die Kleinkinderjahre meines Lebens und ich werde sie nicht lamentierend verbringen. Gut – nicht ausschließlich lamentierend :-).

Noch etwas, kleine Maus: Ich bin jederzeit bereit, einzustecken, wenn ihr mir irgendwann um die Ohren prackt, dass ihr meine Vorgehensweise wirklich g’schissen gefunden habt. Ich werde das fressen, keine Frage. (Außerdem habe ich keineswegs vor, euer Leben bis zur Pubertät zu dokumentieren, das ist hoffentlich ohnehin klar.)

Ich hoffe, du weißt, wie sehr du mir willkommen bist, wie viel Liebe ich für dich empfinde. Leider kann ich nicht herbeizaubern, was zerbrochen ist. Du hörst den Lift im Stiegenhaus, stehst mit hängendem Kopf an der Wohnungstür. ‚Papa?‘ Doch Papa kommt nicht. Also bringst du mir mein Handy, schaust mich hoffnungsvoll mit deinen tiefblauen Augen an. ‚Papa an-hu-fen.‘ Hebt er nicht ab, schluchzt du bitterlich und manchmal weine ich dann mit.

Du kleines Mäuslein. Ich werde alle Register ziehen, um euch gut da durchzutragen.

Wie schön, dass du geboren bist!

Deine Mama

Ein Kommentar zu “Lieber V.,

  1. Michaela sagt:

    So wunderschön, danke, dass du uns teilhaben lässt – denn genau deshalb lesen wir Blogs wie diese: um uns nicht so allein zu fühlen in dem Wahnsinn und Glück mit Kindern!
    Unbekannte Grüße, michaela (1160)

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