Lieber J.

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31. August 2014 von evakarel

lieber j.Groß wirst du sein, wenn du diese Zeilen liest. Vielleicht verwundert, warum deine Kleinkindzeit wie Perlen Artikel für Artikel aufgefädelt vor dir niedergeschrieben liegt. Ob du wirklich Geiger geworden bist? Momentan bittest du mich sieben Mal täglich, meine Geige auszupacken, damit du tüfteln kannst. Von der Mini-Geige, die ich für deinen fünften Geburtstag gekauft habe, ahnst du noch nichts, sie liegt versteckt im Vorzimmerkasten neben dem nie verwendeten Bügeleisen.

Weißt du, ein Grund, warum das mit uns so gut läuft, sind genau diese Erzählungen, die nun vor dir liegen. Manchmal schlottern mir die Knie vor Anstrengung und das Schreiben hilft mir so sehr dabei, Situationen doch noch irgendeine Komik abzuluchsen. Du wilde kleine Maus, manchmal ist es schwer für mich mit dir, weil du mir so ähnlich bist. Du tobst und trotzt, sezierst mir das Mark aus den Knochen und dann stehe ich in der Apotheke an der Kasse und du rufst vom Ringelspiel der Kinderecke aus ‚Mama?! Ich liebe dich!!!‘ quer durch den Raum zu mir rüber. Du zärtliches kleines Geschöpf. Jede Nacht tapst du zu mir, schlüpfst unter meine Decke und schmiegst deinen gesamten kleinen Körper wohlig an meinen, dein Köpfchen auf meiner linken Schulter, mein Arm umfängt dich. Zu dem Zeitpunkt hat dein kleiner Bruder meist schon meine rechte Schulter gekapert und pustet seine winzigen, duftenden Babyatemzüge in mein Ohr. Oft ist mir viel zu heiß da zwischen euch und ihr weckt mich ständig auf, weil ich plötzlich einen kleinen Hintern überm Gesicht liegen habe, mir jemand traumbedingt einen Fußtritt verpasst, doch ihr riecht viel zu gut, als dass ich euch ausquartieren wollen würde.

Weißt du, Schlingelmausi, ich versuche, hier mein Bestes zu geben. Damit ich das kann, muss ich ich sein dürfen. Für mich heißt das: Malen, schreiben und Yoga. Wenn du nur wüsstest, wie sehr ich all das liebe, wie glücklich mich das macht! Ich wünsche mir sehnlich, euch mitzugeben, dass eure Begeisterung sowas wie euer Wegweiser ist. Bitte sitzt eure Zeit hier nicht einfach ab, lasst euch von keinem Leistungswahn verheizen. Kümmert euch um euch selbst und um einander. Wirklich zuhören, wirklich interessiert sein, innige, aufrichtige Beziehungen. Und ich wünsche euch Humor. Eine dicke, fette Portion Humor – damit ist alles viel besser, das werdet ihr schon sehen.

Findet eure Herde, findet Menschen, bei denen ihr daheim seid. Ihr werdet Männer sein und ich werde alles daran setzen, euch zu respektvollen Geschöpfen heranwachsen zu lassen. Bei aller Liebe, wenn ihr Sprüche wie ‚Der läuft wie ein Mädchen.‘ o.ä. in meiner Gegenwart schiebt, dann scheppert’s ordentlich, da könnt ihr euch schon freuen.

Ich hoffe, du liest all die Zärtlichkeit aus diesen Artikeln heraus, die ich für euch empfinde. Ich hoffe, ich konnte dir vorleben, dass man seine Gefühle nicht zu verstecken braucht. Nein, ihr ward nie mein alleiniger Lebensinhalt, mein Hauptprojekt. Ich bin ich – mit all meinen Interessen – und ihr seid meine Kinder, die frei sind, sich zu den Menschen zu entwickeln, die sie werden möchten. Ich will euch den Druck, mein einziger Lebensinhalt zu sein, nicht auf eure kleinen Schultern wuchten. Ich wollte euch unbedingt haben, ich stelle mich gern dieser Verantwortung und gleichzeitig empfinde ich es als gut und richtig, zuzugeben, wie schwierig all das auch ist. Wir sind Menschen, wir wollen wachsen, uns entwickeln. Jede Beziehung, jede Herausforderung birgt ihre Ambivalenzen. Ihr sollt wissen, dass es mich durchaus ordentlich schleudern kann und ich euch immer trotzdem lieben werde. Ich werde immer da sein.

Du liebst Schlüssel, schleppst deinen Spielschlüsselbund jeden Tag mit in den Kindergarten und wirst dort augenzwinkernd mit ‚Guten Morgen, Kerkermeister!‘ begrüßt. Du schmiegst dich an den Bauch der Kindergärtnerin, umschlingst sie mit deinen lackierten Fingernägeln, sie streicht dir zärtlich durch die Locken. Du eckst an, marodierst durch die Kindergartengruppe, läufst händchenhaltend mit deinem besten Freund V. durch die Gegend und kredenzt ihm Liebeserklärungen.

‚V., ich liebe dich!‘

‚Das hab ich mir eh schon gedacht.‘

‚Nein, V.! Ich liebe dich und du liebst mich auch!‘ zwitscherst du überzeugt retour und erntest eine Umarmung.

Du bewirfst die gesamte Spielplatzbelegschaft mit Sand und entschuldigst dich dann treuherzig. Du möchtest Eis zum Frühstück, wirst in diesem Vorhaben tatkräftig von deinem kleinen Bruder unterstützt, ihr bildet eine tobende Front gegen mich, das verdammenswerte Gegenüber, das dezidiert ablehnt. Ich bin schon von der morgendlichen Action müde, wenn ich euch im Kindergarten abliefere.

Wenn ihr schlaft, schreibe ich. Wenn ihr bei eurem Vater seid, male ich. Würde ich es nicht tun, würde ich über kurz oder lang eine veritable Soziopathie entwickeln, ihr hättet nichts davon. Warum sollte ich euch vorleben wollen, Selbstaufgabe sei angebracht? Eine unzufriedene Generation wurschtelt sich durchs Hamsterrad, in der Hoffnung, ihre Nachkommen würden dann endlich glücklich werden. Die Nachkommen wurschteln sich durchs Hamsterrad, in der Hoffnung… usw. Das Ringelspiel dreht und dreht sich. Nein. Ich bin ich und ich bin eure Mutter. Ich möchte euch zeigen, dass beides möglich ist. Lasst euch die Flügel nicht stutzen. Satte Menschen braucht das Land!

Wie schön, dass du geboren bist.

Deine Mama

PS: Deinem Bruder werde ich natürlich beizeiten auch noch schreiben.

(danke für die Idee, M.!)

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