Shitty First Drafts

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6. Februar 2014 von evakarel

diss2Also ich hab mir das folgendermaßen vorgestellt: Ihr da links von mir, ihr ruft bitte auf mein Handzeichen hin „Hugos!!“ und ihr da in der Mitte, ja genau ihr, ihr ruft bitte dann auf mein Nicken hin „An die!“ und dann rechts brüllen bitte alle „MACHT!“.

Gut, also, wir versuchen das gleich mal!

Na seawas, nicht schlecht!

Dieser Text handelt vom Mut zur Mittelmäßigkeit. Meine persönliche Erfahrung ist, ich scheue wie ein wildes Pferd von dannen, sobald meine Ziele zu groß, meine Erwartung zu größenwahnsinnig wird. Anne Lamott, ihreszeichens Schreibkoryphäe auf zwei Haxen, empfielt in ihrem Buch „Bird by Bird“ hierfür den „Shitty First Draft“ und mir erscheint dieser als höchst brauchbares Lebenskonzept. Es ist so: Mein Perfektionismus und die damit einhergehende Schreibblockade sind momentan grenzenlos. Im Herbst habe ich für’s Doktoratsstudium inskribiert und da einerseits mein Leben dezent Kopf steht und andererseits meine Ansprüche an mich selbst zum Davonrennen sind, habe ich seither ca. drei Seiten geschrieben. (O-Ton Hirn: ‚Tschuldigung?! Du unterrichtest in dem Lehrgang selbst. Blamieren wirst dich wohl nicht wollen, oder, Blunzerl?‘)

diss3Ja, aber wenn ich schon nicht an der Dissertation arbeite, könnte ich mir doch wenigstens ein neues Buchprojekt herauskletzeln, halte ich mir vor. Immerhin sind die Reaktionen auf meine Blogbeiträge durchwegs erfreulich und immer wieder wird mir gesagt, ich möge doch endlich ein Büchlein fabrizieren. Was ich WIRKLICH. GERN. TUN. MÖCHTE. Doch abgesehen davon, dass ein großes Projekt aus zahllosen Babyschritten besteht, die es in Minihäppchen täglich zu erledigen gilt und Perfektionismus während des Schaffens außer Bein stellen nur Bein stellen kann, gibt es im Hinblick auf ein mögliches Buchprojekt ja derartig viele Überlegungen, die angestellt werden müssen. Fakt ist: Mein Genre ist das autobiographische Schreiben. Etwas anderes kommt aus mir momentan nicht heraus. Fakt ist auch: Autobiographisches Schreiben trägt zentnerschwere Verantwortung auf seinen schmalen Schultern. Natürlich gehören meine Erinnerung, gehört mein Leben mir. Doch in meinem Leben laufen ja all die Menschen herum, die mir wichtig sind und an denen ich meine Erkenntnisse, Hindernisse, meine Erfahrungen sammle. Meine Kinder kann ich altersbedingt schlecht fragen, ob es für sie in Ordnung ist, wenn ich so viel über sie publiziere. Schreibe ich über meine Großeltern, decke ich damit naturgemäß meinen elterlichen Background auf.

Anne Lamott meint, beim Schreiben über Exfreunde habe sie den Königsweg entdeckt: Sie dichte ihnen kleine Penisse an und habe aufgrund dessen noch nie erlebt, dass jemand das Wort erhebt und sagt: ‚Das bin ja ICH!! Frechheit, ich verklage dich.‘ Nicht blöd.

Nur geht es mir ja leider nicht um Exfreunde, also stehe ich vor einem für mich momentan ungeklärten Memoir-Problem. Ihr Schreibenden da draußen! Wie wahrt ihr die Privatsphäre eurer ProtagonistInnen? Hilft es nix und ich muss einen Blog unter Pseudonym aufmachen? Und auch ein etwaiges Buchprojekt unter Pseudonym laufen lassen?

diss4Doch zurück zu Anne Lamott und ihrem Shitty First Draft, den ich auch in all meinen Seminaren anpreise, weil er schlicht und einfach einem Wundermittel gleichkommt. Innerhalb eines begrenzten Zeitraumes (z.B. 10 Minuten) sämtliche Gedanken zum Thema handschriftlich zu Papier kritzeln. Pause. Drüber schlafen. Dann heraus damit aus der Schublade und mit frischem Blick überarbeiten. Am Ende werde ich mindestens die Hälfte gekürzt haben. Dann werde ich noch an einigen Sätzen schrauben, teilweise die Wortwahl ändern, nochmal kürzen und zack: Plötzlich ist da der Text – um den ich mich vorher zwei Stunden lang herumgewunden habe. Ich habe zwei Ladungen Wäsche gewaschen, Ausdrucke meiner Yogaunterlagen gemacht, telefoniert, meine Fersen gehobelt, mir leid getan und dann ENDLICH per Freewriting (ie Shitty First Draft) begonnen. Ah. Schleusen auf. Willkommen, Text. Im Klartext: Den kreativen vom kritischen Akt trennen. Erstmal drauflos, ohne Anspruch auf Druckreife.

Also Freunde und Freundinnen des Schreibens und des Kunstschaffens im Allgemeinen: Wenn ihr dem Perfektionismus anheim zu fallen scheint, rufen wir uns künftig folgendes Mantra ins Gedächtnis: „Hugos an die Macht!“ und dann postet ihr hier in den Kommentaren, welch mittelmäßige Shitty First Drafts eures Textes, eures Gemäldes, eures Plans ihr hingeklescht habt und bekommt -das verspreche ich hiermit hoch und heilig- Applaus meinerseits.

2 Kommentare zu “Shitty First Drafts

  1. Sandra Lenk sagt:

    Servas Eva,
    erstmals, long time no see, was aufgrund der geographischen Distanz auch kein wunder ist. ich gehöre aber auch zur lesegemeinde und bin daher eh noch ein bissl am laufenden, was dein leben anbelangt. à propos laufen und weglaufen und sich zerlaufen und laufmasche…ich hock grad im selben boot wie du, zwar nicht was die Dissertation betrifft, die hab ich lieber gleich gelassen, wobei, das würd mir vielleicht sogar einfacher von der hand gehen, glaub ich mittlerweile, als meine buchprojekte. was ich hab ist schon keine Blockade mehr, das ist ein hirnwichs-guantanamo. hab noch nix von Anne lamott oder sonstjemanden zum Thema schreiben gelesen, weil ich eigentlich eh genau weiß, wie ichs angehen müsste, meine brainstormings sind auch nicht amal so zwida und von allen Seiten hör ich nur: leg endlich los, das wird garantiert ein bestseller. aber irgendwie geht es mir trotzdem nicht von der hand oder buchstäblich aus dem kopf. naja, es ist aber ein Trost, dass es offenbar nicht nur mir so geht. ich drück uns die Daumen und spitz derweil zumindest mal die Bleistifte!
    Alles Liebe

    • evakarel sagt:

      hallo sandra!!!

      hirnwichs-guantanamo find ich schon mal großartig 🙂
      und anne lamott solltest unbedingt, unbedingt, unbedingt lesen. wennst schon grad ohnehin nicht schreibst, kannst ja übers schreiben lesen.
      die frau ist die größte neurotikerin und beschreibt, mit wievielen tricks sie sich jeden tag zum schreiben bezirzt. dabei ist sie wirklich lustig. LESEN!!

      lg
      eva

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