Der Satzinger und Karl Dall

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7. Mai 2013 von evakarel

malzimmerIch sitze im Tante-Elli-Sessel in meinem Atelierzimmer und grinse dümmlich glücklich vor mich hin. Momentan herrscht hier im Zimmer ja noch holzvertäfelungsbedingter Bauernstubencharme, doch das kann mich vom Glücklichsein nicht abhalten. Mein Zimmer. Mein Atelier. Meine Staffelei, mein Lese/Schreibsessel. Gepriesen sei wer auch immer mir das kredenzt hat! Ge!prie!sen!! Demnächst plane ich, die Holzvertäfelung noch umzustreichen, dann kann das Atelierglück endgültig losbrechen.

Mein Babysohn ist nun sechseinhalb Monate alt. Seit neuestem zuzelt er gerne seine Unterlippe nach innen und grinst. Dabei schaut er aus wie der alte Satzinger. Der Satzinger war der Nachbar meines Opas, müsst ihr wissen. Sie wohnten in einer kleinen Siedlung im tiefen Oberösterreich, Häuser und Gärten waren schön gerastert gleich groß, die Zäune allenfalls hüfthoch, damit man den Zustand der Nachbargärten gut in Augenschein nehmen und überdies beweisen konnte, wie überaus fleißig und ordentlich man selbst am Werk war.

Der Satzinger war ein zahnloses kleines Männlein, das täglich morgens um halb sieben den Rasenmäher anwarf und meinem Bruder und mir in den Sommerferien damit als Wecker diente. Den Rest des Tages schritt er in seinem Garten auf und ab, die Hände am Rücken verschränkt pflegte er in den höchsten und schrillsten Tönen zu pfeifen. Töne, die er nur ohne Zahnersatz zustande brachte. Der Satzinger war aber nicht nur passionierter Pfeifer, er tratschte auch gern, weswegen er die Prothese stets griffbereit in der Westentasche trug. Kam jemand des Weges, griff der Satzinger flugs in die Tasche, warf sie sich gekonnt in den Mund, schmatzte kurz, flitzte zum Gartentor und tauschte die täglichen Codes aus. „Jo griaß di Good!“s, eine Handvoll Siedlungsneuigkeiten, Prothese wieder raus, weiterpfeifen.

Jedenfalls sieht unser Babysohn beim Unterlippenzuzeln aus wie er, weswegen ich ihn momentan hauptsächlich so nenne. „Satzinger, sag mal brauchst du eine frische Windel?“

Den kleinen Sohn meiner Freundin K., die gestern zu Besuch war, nennen wir hingegen liebevoll Karl Dall, weil er aufgrund einer Augenentzündung ein dezent hängendes rechtes Auge hat.  „Noch Karottenbrei, Satzinger? Nein? Gut, aber sei gewarnt: Karl Dall wird ihn dir gleich wegfuttern!“

Wir hatten eine gute Zeit, gestern.

2 Kommentare zu “Der Satzinger und Karl Dall

  1. […] fünf Tagen kann sich der Satzinger übrigens sowohl aufsetzen, als auch in den Vierfüßler hochstemmen. Das Sitzen leuchtet ihm noch […]

  2. […] er so stolz, dass ich ihn nur noch im Majestätsplural anzusprechen gedenke. “Belieben Herr Satzinger noch etwas Kürbisbrei zu speisen? Wohlan, so öffne er den Schnabel, hier kommt ein […]

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