Mama allein zuhaus.

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5. Mai 2013 von evakarel

Der Mann war zwei Tage nicht an unserer Seite, was sich nervenkostümtechnisch suboptimal auswirkte. Zwar habe ich mir geschworen, einfach Ruhe zu geben und die Tage in aller Gemütlichkeit mit den Kindern zu versumpfen. Doch dann war von Gemütlichkeit keine Spur – ständig wollten beide gleichzeitig etwas und ich war kurz vorm Durchdrehen.

Aufstehen, Baby wickeln. „Aber du sollst mir zuerst helfen!!!“ jault der Dreijährige. Frühstück herrichten. Versuche, das Baby auf seine Decke zu legen, um beide Hände frei zu haben. Baby brüllt. Setze mir das Baby wieder auf die linke Hüfte. Der Dreijährige brüllt. „Aber ich will auch hoppa!!“ Knirsche mit den Zähnen und setze den Größeren auf die Arbeitsplatte. Nehme zwei Breischüsseln und zwei Löffel heraus und beginne, Reisbrei für das Baby und Dinkelbrei mit Obst für den Großen zu fabrizieren. Leider habe ich die „falsche“ Schüssel erwischt und was macht überhaupt dieser saublöde Löffel hier? Den will er nicht, der soll sofort verschwinden. Es ist verdammt nochmal Wochenende und verdammt nochmal sechs Uhr früh, meine Lust auf Konflikte hält sich dezent in Grenzen. Schaue den Dreijährigen kommentarlos giftig an, pfeffere den „falschen“ Löffel in die Lade zurück und drücke ihm den richtigen in die Hand. Auch die Schüssel tausche ich aus. Nur nicht anfauchen, du bist schon groß, Eva.

Kaffee muss her, und zwar schnell. Selbstverständlich dreht der Dreijährige durch, weil ich mich gedankenverloren erdreistet habe, das Kaffeepulver selbst in die Espressokanne zu löffeln. Es reicht, Ring frei, ich brülle irgendetwas pädagogisch Wertvolles von wegen „mein Kaffee, meine Kanne, mein Pulver, mein Löffel, ich bin auch mal dran.“

ateliergartenAn Scheißtagen hat es sich bewährt, die Wohnung zu verlassen. Wir packen also unsere Sachen und gehen ins Atelier. Ich sortiere Farben ins Regal, der Babysohn schläft umgebunden in der Trage, irgendwie scheint sich doch noch alles zu beruhigen. Ich sage mir innerlich selbst die Sätze vor, mit denen ich meinen YogaschülerInnen ständig in den Ohren liege. Kopfhaut entspannen, bis die Ohren beinah vom Kopf rutschen, Zähne nicht zusammenbeißen. Bauchatmung, und zwar tief und gleichmäßig. Beide Füße gut auf dem Boden? Ja? Na bitte, wird doch. Dann werde ich mal schaun, was der Dreijährige so im Ateliergarten treibt. Flaniere mit meinem frisch wiederentdeckten yogischen Gleichmut nach draußen, der Sohn hat Blumen ausgerissen und ist nun geschäftig dabei, mit Wasser-Erde-Blumengatsch die gerade erst gesäuberten Pflastersteine einzubalsamieren. Ring frei, denke ich und hole Luft, um loszupoltern, da springt er fröhlich auf, klatscht in die Hände, wischt sich den Gatsch auf Bauch und Hintern ab und ruft: „Ich bin eine Frechheit, Mama!“

Wo er Recht hat, hat er Recht – um meine Contenance war’s wieder mal geschehen und ich verstecke mein Gesicht schnell in ein paar herunterhängenden Efeuranken, um mein Lachen zu verstecken.

Ich hab manchmal wahnsinnige Angst, ihm mangelndes Selbstwertgefühl mitzugeben, wenn ich die Geduld nicht aufbringe, ihm Dinge ruhig zu erklären, statt ihn genervt anzufauchen. Er ist ein kleiner Junge und was er alles an Verhaltensregeln lernen soll, ist ENORM. Ich überlege mir das manchmal aus seiner Perspektive und dann tut er mir leid. Nein, wisch dich nicht reflexhaft im T-Shirt ab, halte dir die Hand beim Husten vor, wasch dir die Hände, das ist grausig, sei nicht frech, sag bitte, sag danke, sag hallo, sag tschüß, warte, mach den Mund auf, es ist Zeit, Zähne zu putzen, vor dem Mittagessen nix Süßes, heute nix mehr naschen, beeil dich, warte, bitte hör auf zu schrein, ich mag nicht, dass du so etwas sagst, warum? weil ich die Mama bin.

Er tut mir leid, wenn ich zu wenig Geduld habe. Er ist erst drei.

3 Kommentare zu “Mama allein zuhaus.

  1. Aber……….wenn ER groß ist, hat er für Dich auch Geduld und Verständnis. Glaub es mir, ich bin schon in dieser glücklichen Phase! LG Rumplstilzchen

  2. Goldammer sagt:

    Ich hab mal von einem Psychologen gelesen, dass das Ziel mit ADHS-Kindern sein sollte, zehn gute Minuten am Tag zu haben. Dann sei deren psychische Gesundheit gesichert. Zehn Minuten. An Tagen allein zu Haus (ich habe noch ein Sechsjährige zum Drei- und Nulljährigen-Paket) halte ich nach diesen zehn Minuten Ausschau und dann denke ich mir: Geschafft. Möge die Rumbrüllerei und das Genörgele wieder beginnen.
    Trotzdem hast Du recht: Arme Kinder…

  3. stilhäschen sagt:

    Keine Angst, das hält er aus. Meiner „Großen“ geht’s sicher nicht besser. Sollen die beiden doch in 25 Jahren selber Kinder kriegen und es besser machen. Geht nämlich vermutlich nicht viel anders. Ist halt auch für Mütter viel.

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